TAD - THEOLOGISCHE ARBEITSGEMEINSCHAFT

IM CHRISTLICH-JÜDISCHEM DIALOG

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Vortrag von Dr. Claudia Leuser auf der Frühjahrstagung der TAD im März 2016

 

0  Vorbemerkungen

Wir sprechen im Alltag vom „rechten Geist“, bezeichnen jemanden als „geistlos“ oder auch als „geistreich“ – aber was meinen wir eigentlich damit? Was verstehen wir unter dem Geist, der einen Menschen erfüllt, der sein Handeln und seine Entscheidungen prägt?

Noch schwieriger wird es, wenn es im christlichen Kontext um den „Heiligen Geist“, die dritte Person der Dreifaltigkeit, geht. Ist die Darstellung dieser dritten Person in Gestalt einer Taube nicht einfach nur Ausdruck einer großen Hilflosigkeit? Sicherlich haben nicht nur Juden und Muslime damit ihre Probleme; vermutlich dürften auch christliche Gläubige auf entsprechende Nachfragen eher ratlos reagieren. Und so ist es wohl kein Zufall, dass das Pfingstfest im Vergleich mit dem Osterfest oder gar dem Weihnachtsfest nie eine vergleichbare Bedeutung gewonnen hat, wie sie sich zum Beispiel in den zahlreichen Weihnachts- und Osterbräuchen manifestiert.

Vor diesem Hintergrund möchte ich zunächst aufzeigen, was man in der christlichen  Theologie unter dem Heiligen Geist versteht, insbesondere, wie diese Lehre sich historisch entwickelt hat und inwiefern hier gerade auch jüdische Vorstellungen aufgegriffen und weitergeführt wurden. Im zweiten Teil folgt dann ein Blick auf die aktuelle Theologie des Heiligen Geistes, der uns deutlich machen kann, welchen Stellenwert diese Lehre vom Geist als dem „Bindeglied der Liebe“ in unserem eigenen Leben gewinnen kann, wenn wir die in Tradition entwickelten Vorstellungen von der ruach, dem Geist Gottes, wirklich ernst nehmen. In diesem Zusammenhang sollen abschließend auch noch kurz mögliche Konsequenzen dieser Ausführungen zur christlichen Lehre vom Heiligen Geist für den jüdisch-christlichen Dialog der Gegenwart in den Blick genommen werden.

Fangen wir also an mit der Spurensuche, in deren Zentrum die Erzählung von der Ausgießung des Heiligen Geistes in der Apostelgeschichte stehen wird.

 

 

1  Spurensuche im Neuen Testament

Im Zentrum der Spurensuche steht die Pfingstperikope aus der Apostelgeschichte (Apg 2,1-47). Die Ergebnisse der Textarbeit lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

  • Die Pfingstperikope aus der Apostelgeschichte kann gewissermaßen als eine Umkehrung der Erzählung vom Turmbau zu Babel gesehen werden: Führt dort die Sprachenvielfalt zur Zerstreuung, zur Auflösung der Gemeinschaft, so finden sich die Völker nun wieder zu einer neuen Gemeinschaft zusammen. Dabei geht es jedoch keineswegs darum, die Vielfalt an sich in Frage zu stellen, die ja aus jüdischer Sicht durchaus positiv gesehen wird, wie wir auch im Rahmen unseres Studientags zur Erzählung vom Turmbau mit Professor Krochmalnik erfahren haben. Parther bleiben Parther, Elamiter bleiben Elamiter – aber diese Vielfalt der Völker und Kulturen steht nun nicht mehr länger trennend zwischen ihnen, da sie alle in gleicher Weise vom Geist Gottes ergriffen und dadurch miteinander verbunden werden.
  • Wichtig ist überdies, dass es die jüdische Überlieferung ist, hier konkret das Buch des Propheten Joel, die zum entscheidenden, erhellenden Deutungshorizont für dieses unerhörte Ereignis wird. Nur aufgrund der im Judentum fest verwurzelten Überzeugung, dass Gott zugunsten seines Volkes in die Geschichte eingreift und sich dabei durch Wunder und Zeichen offenbart, ist es möglich, auch in der hier beschriebenen „Ausgießung des Geistes“ eine solche göttliche Selbstoffenbarung zu sehen. Auch Petrus kann dieses Ereignis in seiner Predigt nur vor diesem Hintergrund verstehen und einordnen; im Horizont jüdischer Überlieferung hebt er als Besonderheit dieses Ereignisses hervor, dass die ruach hier nicht nur einzelne Auserwählte ergreift, wie das in der Geschichte Israels immer wieder der Fall war, sondern dass alle Menschen gleichermaßen in dieses Offenbarungsgeschehen einbezogen und auf diese Weise zu Botschaftern Gottes berufen werden. Ich werde darauf später noch einmal zurückkommen.
  • Schließlich sollte an dieser Stelle auch noch festgehalten werden, dass dieses Offenbarungsgeschehen seine Glaubwürdigkeit vor allem dadurch gewinnt, dass es die Menschen nicht nur innerlich ergreift, sondern dass es diese zu einer radikalen Veränderung ihres Handelns motiviert. „Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte“, so heißt es in Vers 45. Wenn man sich auch mit Recht fragen kann, ob damals tatsächlich ein solcher Urkommunismus langfristig erfolgreich umgesetzt werden konnte (sowohl die Apostelgeschichte als auch die Paulusbriefe belegen eher das Gegenteil!), so lassen diese Aussagen doch zumindest die Zielrichtung dieses Ereignisses klar erkennen: nämlich die Menschen, gleichgültig, welche Herkunft sie haben, welche soziale Stellung sie in der Gesellschaft einnehmen, welchem Geschlecht sie zugehören, zu einer echten Gemeinschaft, zu einem Volk Gottes zu verbinden. Die vertikale Beziehung zu Gott gibt es nicht ohne diese horizontale Gemeinschaft der Menschen untereinander. Es ist genau dieser Aspekt, der  Augustinus veranlasst hat, im Geist Gottes das vinculum caritatis, das „Bindeglied der Liebe“, zu sehen, das die Menschen mit Gott, aber eben auch untereinander verbindet.

Der Geist Gottes wird also, auch das wird bei einer Spurensuche im Neuen Testament deutlich, überhaupt nur in seinen Wirkungen greifbar: „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.“ (Joh 3,8), so lesen wir im Johannes-Evangelium. Und Paulus schreibt im Römerbrief (Röm 8,14-16): „Denn alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Söhne (und Töchter) Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen (und Töchtern) macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater! So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.“

Bevor wir aber im Kontext einer „Theologie des Heiligen Geistes“ auf diese Wirkungen noch etwas genauer eingehen – im Christentum spricht man auch von den „Gaben des Geistes“ –, möchte ich erst einmal aufzeigen, wie die Lehre von der göttlichen Dreifaltigkeit sich im Frühchristentum auf der Grundlage der biblischen Zeugnisse sowohl des Alten als auch des Neuen Testaments entwickelt hat.

 

2 Von der Maske des Schauspielers zur Lehre von den drei göttlichen   Personen – die Entwicklung der Lehre von der göttlichen Dreifaltigkeit im Frühchristentum

Der große Theologe Hans Urs von Balthasar schrieb einmal: „Das Tiefste am Christentum ist die Liebe Gottes zur Erde. Dass Gott in seinem Himmel reich ist, wissen andere Religionen auch. Dass er mit seinen Geschöpfen zusammen arm sein wollte, dass er in seinem Himmel an seiner Welt leiden wollte, ja gelitten hat und durch seine Menschwerdung sich instand setzte, dies sein Leiden der Liebe seinen Geschöpfen zu beweisen: das ist das Unerhörte bisher.“ (Hans Urs von Balthasar)

Ich bin mir durchaus der Tatsache bewusst, dass diese Aussage auf den ersten Blick ziemlich anmaßend wirken könnte. Dennoch scheint mir, dass mit diesem Zitat ein wichtiger Schlüssel für das Verständnis der christlichen Dreifaltigkeitslehre gegeben ist. Diese kann demnach als ein Versuch beschrieben werden, die innige Beziehung zwischen Gott und Mensch, die im Neuen Testament bezeugt wird, auf möglichst anschauliche, metaphorische Weise zum Ausdruck zu bringen.

Der Definition der göttlichen Dreifaltigkeit, wonach der eine, ja einzige Gott sich in drei Personen, nämlich als Vater, als Sohn und als Heiliger Geist offenbart, ging ein jahrhundertelanges Ringen voraus. Wie soll man denn einerseits von etwas sprechen, was die Grenzen unserer Ausdrucksmöglichkeiten so deutlich übersteigt? Und wie soll man andererseits anderen gegenüber Rechenschaft über den eigenen Glauben ablegen, wie soll man diese von einer Wahrheit überzeugen, die man selbst als existenziell höchst bedeutsam empfindet, wenn man nicht zumindest versucht, sprachliche Ausdrucksformen dafür zu finden? Genau vor diesem Dilemma standen die frühen Christen, und sie behalfen sich schließlich mit der Begrifflichkeit, die ihnen damals – insbesondere durch die antike Philosophie – zur Verfügung gestellt wurde.

Da in diesem Zusammenhang dem Personbegriff eine zentrale Bedeutung zukommt, müssen auch wir uns an dieser Stelle näher damit befassen. Wenn wir heute von einer Person sprechen, so verstehen wir darunter eine individuelle Persönlichkeit, die über Selbstbewusstsein und eine je eigene Identität verfügt. Dieses Verständnis des Begriffs Person hat sich jedoch erst in späterer Zeit herausgebildet, als die kirchliche Sprachregelung zur Lehre von der Dreifaltigkeit Gottes bereits zu einem vorläufigen Abschluss gekommen war. Ursprünglich stand das Wort Person (lat. persona, abgeleitet von personare, „hindurch tönen“) für die Maske des Schauspielers. Jede Maske repräsentierte in der Antike einen bestimmten Rollentypus, zum Beispiel der junge Held, der betrogene Ehemann, die junge Geliebte oder die zänkische Alte. Die Maske vor dem Gesicht des Schauspielers machte dessen Individualität also gerade unkenntlich, so dass er ganz in seiner Rolle aufging, während seine Stimme durch das Mundloch der Maske hindurch erklang (daher auch die Herleitung des Begriffs). Eine vergleichbare Bedeutung hat das griechische Wort prosopon, das in den frühen theologischen Auseinandersetzungen über die Gotteslehre analog verwendet wird. In übertragenem Sinn könnte man also davon sprechen, dass mithilfe dieser Begriffe zum Ausdruck gebracht wurde, wie „eine Person“ anderen gegenüber in Erscheinung tritt oder was sie von sich selbst preisgibt.

Genau in diesem Verständnis dürfte nun jedoch auch der Anknüpfungspunkt für die Anwendung dieses Begriffs auf die spezifisch christliche Gottesvorstellung zu suchen sein. Demnach offenbart Gott sich heilsgeschichtlich gesehen auf unterschiedliche Weise; er übernimmt also gewissermaßen im Laufe der Geschichte verschiedene „Rollen“, mit denen er sich den Menschen kenntlich macht. 

  • Zunächst einmal offenbart er sich als derjenige, der die Welt geschaffen und uns allen das Leben geschenkt hat. Vor dem Hintergrund zeitgenössischer Vorstellungen ist dies die Rolle des „Vaters“. Man ging ja damals noch davon aus, dass jeder Mensch sich aus den Spermien des Mannes entwickelt, während die Entdeckung, dass am Beginn menschlichen Lebens die Verschmelzung einer männlichen Samenzelle mit einer weiblichen Eizelle steht, erst etwa zweihundert Jahre zurückliegt. In den Werken der Schöpfung, im Staunen darüber, dass es trotz aller Vergänglichkeit und Fragilität eine große Vielfalt von Lebensformen gibt, wird Gott also – bildhaft gesprochen – als Vater erfahrbar; als Vater aber ist er Gott über uns.
  • Der christlichen Glaubensüberzeugung zufolge hat Gott darüber hinaus in Jesus von Nazaret eine menschliche Identität angenommen. Er offenbart sich hier in Gestalt eines Menschen, der sich rückhaltlos für andere einsetzt und dabei in vorbildlicher Weise den Willen Gottes erfüllt, was schließlich auch zu seinem Tod am Kreuz führt. Das Ereignis seiner Auferweckung – was auch immer sich dahinter an konkreten Erfahrungen verbergen mag – wurde von seinen Anhängern als göttliche Bestätigung seines Wirkens aufgefasst. In seiner Lehre und seinem Handeln, in der Art und Weise, wie er Menschen begegnet ist, die er aus ihrer Isolation befreite, denen er ihre Würde zurückgab, die er in die Gemeinschaft der von Gott Berufenen hineinholte, schien der in der jüdischen Überlieferung bezeugte Wille Gottes konkrete menschliche Gestalt gewonnen zu haben. Somit wurde das gesamte Wirken Jesu im Rückblick, das heißt aus der Perspektive der Ostererfahrung, als Ausdruck einer einzigartigen Beziehung zu Gott verstanden, wie sie am ehesten – zeitgenössischen und insbesondere auch jüdischen Vorstellungen zufolge – mit einer Vater-Sohn-Beziehung zu vergleichen war. Auf diese Weise wurde Jesus von Nazaret schließlich die Rolle des „Sohnes“ zugeschrieben. Als Sohn ist er jedoch zugleich unser aller Bruder, ist er Gott neben uns.
  • Damit sind wir mit der heilsgeschichtlichen Selbstoffenbarung Gottes jedoch noch keineswegs ans Ende gelangt. In den sog. Abschiedsreden des Johannes-Evangeliums verheißt Jesus seinen Jüngern, dass er ihnen einen Parakleten, einen „Beistand“ und Tröster, schicken wird, damit sie über seinen Tod hinaus mit ihm und durch ihn mit Gott in Verbindung bleiben können: „Es ist gut für euch, dass ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich aber, so werde ich ihn zu euch senden. […] Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen.“ (Joh 16,7-13) Die Jünger sollen also durch die Kraft Gottes gestärkt, im wahrsten Sinne des Wortes „begeistert“ werden, damit sie seine Botschaft begreifen und weitertragen können. Es ist diese Kraft, die dem christlichen Selbstverständnis zufolge durch die Taufe weitergegeben wird und mit der Gott uns innerlich zutiefst berührt und zum guten Handeln antreibt, wenn wir bereit sind, uns auf ihn einzulassen. Der Heilige Geist steht somit für Gott in uns.

Mit dieser im damaligen Personbegriff begründeten Konzeption versuchte man also im frühen Christentum der Überzeugung gerecht zu werden, wonach Gott im Laufe der Geschichte von sich aus und auf durchaus unterschiedliche Weise die Grenze zwischen Transzendenz und Immanenz überschreitet. Er offenbart sich damit als ein Wesen, das offen ist für Beziehungen und das gerade deshalb die Nähe zu uns Menschen sucht. Dabei stellt man sich ganz bewusst in die jüdische Tradition, die ja ebenfalls verschiedene Möglichkeiten kennt, wie Gott sich im Erfahrungsbereich der Menschen manifestiert: zum Beispiel durch seine Boten, die mal’akim Jahwe, oder durch die Propheten, die zu Trägern der göttlichen Offenbarung gemacht werden und diese Botschaft mitunter sogar mit ihrer ganzen Existenz auf schicksalhafte Weise verkörpern, wie das etwa bei dem Propheten Hosea der Fall war. Mit der Lehre von der Gottessohnschaft Jesu und der Personifizierung des Geistes Gottes wird diese Auffassung allerdings noch einmal deutlich erweitert und zugleich zugespitzt.

Der Theologe Irenäus von Lyon fand um 185 ein sehr anschauliches Bild für diese heilsökonomische Perspektive, indem er Sohn und Geist als die beiden „Hände Gottes“ bezeichnete; als Gottes Hände gehören sie untrennbar zu ihm und führen zugleich als seine Organe seinen Willen aus. Und Tertullian veranschaulicht in einer um 210 entstandenen Schrift die Trinität durch das Zusammenwirken von Quelle, Fluss und Wasserkanal. Wie die Quelle ist der Vater der unerschöpfliche Ursprung der Gottheit; der Sohn geht aus dem Vater hervor, wie der Fluss aus der Quelle entspringt, und bringt das Heil zu den Menschen. Und so wie das Wasser durch die Wasserkanäle auf die Felder verteilt werden kann, so wird auch der Heilige Geist durch die Taufe auf die Gläubigen ausgegossen und macht diese fruchtbar. Das Wasser aber ist die eine, verbindende Substanz, wie die göttliche Wesensart die drei Personen der Dreifaltigkeit miteinander verbindet.[1] Auch das aus der neu-pythagoreischen Mathematik entlehnte Dreieckssymbol könnte in diesem Kontext  noch angeführt werden. All diese Versuche, das göttliche Geheimnis zu visualisieren und dem menschlichen Verstand wenigstens ein Stück weit begreiflich zu machen, sind jedoch letztlich darauf ausgerichtet, die göttliche Einheit zu wahren und diese zugleich in Gestalt von Vater, Sohn und Geist als differenzierte Einheit zu verstehen; eine Differenz, die für uns nur im äußeren Wirken Gottes sichtbar wird und die es uns überhaupt erst ermöglicht, unsere Geschichte als Heilsgeschichte aufzufassen.

Wir finden also in der frühchristlichen Literatur des zweiten und den beginnenden dritten Jahrhunderts ganz unterschiedliche Bilder, die alle dazu dienen sollen, das heilsgeschichtliche Zusammenwirken von Vater, Sohn und Geist in Worte zu fassen. Dem Würzburger Theologen Franz Dünzl zufolge können diese Bemühungen als deutliches Indiz dafür angesehen werden, „dass solche Fragen unter Christen zunehmend virulent waren. Vorgefertigte Lösungen, auf die man hätte zurückgreifen können, gab es nicht, sie mussten erst mühsam errungen werden durch die Auseinandersetzung mit den eigenen (biblischen) Traditionen und die Zuhilfenahme von Verstehensmodellen, die die Umwelt des Christentums für metaphysische Fragen bereithielt. Dass es dabei zur Konkurrenz divergierender Entwürfe und immer wieder zu erbittertem theologischem Streit kam, ist nur aus der Perspektive einer längst etablierten und selbstverständlich gewordenen Trinitätslehre erstaunlich.“[2] Und weiter heißt es hier: „Die Debatte um den christlichen Monotheismus war demzufolge nicht nur eine Angelegenheit der Fachtheologen und Gemeindeleiter sondern bewegte die Gemüter auf breiter Basis, und zwar über Jahrzehnte hinweg.“[3]

In Bezug auf die Thematik unserer Tagung ist noch anzumerken, dass der Geist bei all diesen Auseinandersetzungen bis weit ins vierte Jahrhundert hinein lediglich ein Schattendasein führte; das kann wohl auch darauf zurückgeführt werden, dass das Judentum völlig problemlos von der ruach Gottes sprechen konnte, ohne dabei dessen Einheit in Frage gestellt zu sehen. Erst mit deutlicher Verzögerung kommt im frühen Christentum auch eine Diskussion über die Rolle des Heiligen Geistes auf, der nicht vom Vater gezeugt worden sei wie der Sohn, sondern der bereits zitierten Abschiedsrede aus dem Johannes-Evangelium gemäß vom Sohn ausgesandt werde. Nach heftigem Streit mit den so genannten Pneumatomachen, also den „Gegnern des Geistes“, wurde schließlich nach mehreren Zwischenstufen die heute noch im Credo verankerte Kompromissformel gefunden, der zufolge der Geist „aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht“ – wobei dieses „und dem Sohn“ (lat. filioque), ein späterer lateinischer Einschub, bei der Spaltung zwischen West- und Ostkirche im Jahr 1054 noch eine unheilvolle Rolle spielen sollte. Es würde jedoch an dieser Stelle zu weit führen, diesem Konflikt im Einzelnen nachzugehen.

Die hier in ihrer Entwicklung nachgezeichnete Lehre von der heilsgeschichtlich wirksamen Dreifaltigkeit Gottes wird in der theologischen Fachsprache auch als ökonomische Trinität bezeichnet, wobei der Begriff Ökonomie in diesem Fall mit der ursprünglichen griechischen Wortbedeutung die (göttliche) Weltregierung meint. Dieser ökonomischen Trinität muss jedoch einem theologischen Postulat zufolge dann auch ein echtes Beziehungsgefüge in Gott selbst, also in der immanenten Trinität, entsprechen. Diese Unterscheidung ist deshalb so wichtig, weil es zu Missverständnissen führen könnte, wenn der Verweis auf die Rollen bzw. Masken der Schauspieler Vater, Sohn und Geist tatsächlich auf reine Erscheinungsformen Gottes reduzieren würde, wie das im sog. Modalismus der Fall war. Bei dieser als Irrlehre verworfenen Position wurde die Meinung vertreten, Gott verkleide sich gewissermaßen nur, ohne dass dieser Kostümierung eine tiefere Wahrheit in Bezug auf das Wesen Gottes zugrunde liegen würde. Um nochmals Franz Dünzl zu zitieren: „Gott maskiert sich nicht in der Heilsgeschichte, sondern erschließt, wie ‚er selber‘ ist – nämlich Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die Heilsgeschichte ist in Wahrheit die Selbst-Offenbarung Gottes und nicht nur eine pädagogische Maßnahme, um die Menschen über irgendetwas anderes zu belehren.“[4] Wenn wir Gott also in der Heilsgeschichte als Vater, Sohn und Geist erfahren, wie es eben skizziert wurde, dann kann dies aus christlicher Perspektive tatsächlich als Selbsterschließung Gottes verstanden werden. Allerdings können wir über die immanente Dreifaltigkeit selbst keine begründeten Aussagen treffen, da es sich hier um ein Glaubensmysterium handelt, das dem menschlichen Erkenntnisvermögen nicht zugänglich ist. Bei all den hier skizzierten theologischen Spekulationen und Streitigkeiten blieb den Beteiligten doch stets bewusst, dass alle menschlichen Gottesvorstellungen dem unfassbaren göttlichen Wesen gegenüber letztlich inadäquat bleiben müssen. Mit den Worten des Paulus aus dem ersten Brief an die Korinther (1 Kor 13,9-13): „Denn Stückwerk ist unser Erkennen, / Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, / vergeht alles Stückwerk. Als ich ein Kind war, / redete ich wie ein Kind, / dachte wie ein Kind / und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, / legte ich ab, was Kind an mir war. 12 Jetzt schauen wir in einen Spiegel / und sehen nur rätselhafte Umrisse, / dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, / dann aber werde ich durch und durch erkennen, / so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; / doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“

 

Es ist keineswegs ein Zufall, dass wir bei dieser theologiegeschichtlichen Rückschau auf die Entwicklung der Dreifaltigkeitslehre schließlich beim Hohenlied der Liebe angelangt sind. Gelten doch Glaube, Hoffnung und Liebe in der christlichen Überlieferung als die drei größten und wichtigsten Gaben des Heiligen Geistes, durch die sich das göttliche Wirken in uns Menschen manifestiert. Ich werde darauf gleich noch etwas näher eingehen; schon an dieser Stelle sei aber ausdrücklich festgehalten, dass es den frühen christlichen Theologen zu keiner Zeit einfach nur um einen Streit um Worte ging, sondern immer nur darum, den Menschen tragfähige Lebensperspektiven aus dem Glauben zu eröffnen.

 

Die begrifflichen Auseinandersetzungen, die ich aus Zeitgründen an dieser Stelle nur in groben Umrissen nachzeichnen konnte, sind aus heutiger Sicht sicherlich eher irritierend und nicht leicht nachvollziehbar. Ich denke aber, wir sollten sie dennoch als Versuch respektieren, mit den sprachlichen Möglichkeiten der Zeit das in Worte zu fassen, was die Grenzen menschlichen Begreifens und damit auch menschlichen Ausdrucksvermögens schlicht sprengt. Es ist der Versuch, an der Einheit Gottes festzuhalten und mit der Lehre von der Dreifaltigkeit gleichzeitig den vielgestaltigen Wirkungsmöglichkeiten Gottes gerecht zu werden, die uns in der Heilsgeschichte offenbar werden und die sowohl im Alten als auch im Neuen Testament auf ganz unterschiedliche Weise bezeugt sind. Denn – um nochmals auf das Zitat von Hans Urs von Balthasar zurückzukommen –: Es ist sicherlich die gemeinsame Überzeugung von Juden und Christen, dass Gott nicht einfach nur in seinem Himmel reich sein wollte, sondern dass er an seiner Welt gelitten hat, dass er am Leiden der Menschen Anteil genommen und uns Wege zur Erlösung aufgezeigt hat. Diese Gemeinsamkeit bleibt aber auch dann bestehen, wenn die Erlösungswege selbst von Juden und Christen im späteren Verlauf der Entwicklung unterschiedlich gedeutet und beschritten wurden.

 

 

3  Der Heilige Geist als „Kraftfeld Gottes“

Im letzten Teil meiner Ausführungen werden wir nun den bereits angesprochenen „Gaben“ des Geistes etwas genauer nachgehen, um zu verdeutlichen, inwiefern hier wichtige Anknüpfungsmöglichkeiten für unser eigenes Leben und Handeln gegeben sind. Dabei wollen wir von 1 Kor 12,1-27 ausgehen.

Bei unserem Überblick über die Entwicklung der Lehre von der Dreifaltigkeit ist deutlich geworden, dass es bei all diesen Annäherungen an das göttliche Geheimnis darum geht, Transzendenz und Immanenz miteinander in Beziehung zu setzen. Letztlich handelt es sich also um ein heilswirksames Eingreifen Gottes in unsere Geschichte, um ein Handeln Gottes an Menschen und durch Menschen. Gottes Geist, im christlichen Verständnis der Heilige Geist als die dritte Person der göttlichen Dreifaltigkeit, wird als die Kraft verstanden, „durch die Gott immer erneut in die je gegenwärtige Welt eingreift und sich gegenwärtig und zukünftig lebenden Menschen zu erkennen gibt“.[5] 

Wie wir nun bei einer eingehenden Betrachtung von 1 Kor 12,1-27 feststellen können, sind die „Gaben des Geistes“ so vielfältig wie die Menschen, die vom Geist Gottes ergriffen, wir können in Anlehnung an Paulus auch sagen, in Dienst genommen werden. Es gibt nur ein Kriterium, das uns erlaubt zu sagen, ob wir es wirklich mit einer dieser Gnadengaben zu tun haben: „Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt“ (1 Kor 12,7), so formuliert es Paulus. Es kommt also nicht in erster Linie darauf an, dass wir klug sind, dass wir uns viel Wissen aneignen, dass wir stark im Glauben sind, dass wir große Überzeugungskraft haben, dass wir gut reden können, dass wir einfühlsam sind, dass wir über wie auch immer geartete besondere Begabungen verfügen, wie wertvoll diese Charismen auch immer im Einzelnen sein mögen; was vielmehr zählt, ist die Bereitschaft, eben diese Charismen für andere einzusetzen, damit sie Gemeinschaft stiften und allen zugutekommen können. In diesem Zusammenhang sei auch nochmals an das Hohelied der Liebe aus 1 Kor 13 erinnert, das im ersten Teil meiner Ausführungen bereits angeklungen ist. Hier heißt es im Einzelnen:

Der eine Geist und die vielen Gaben: 12,1-11

 

1 Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.

2 Und wenn ich prophetisch reden könnte / und alle Geheimnisse wüsste / und alle Erkenntnis hätte; / wenn ich alle Glaubenskraft besäße / und Berge damit versetzen könnte, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich nichts.

3 Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte / und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, / hätte aber die Liebe nicht, / nützte es mir nichts.

4 Die Liebe ist langmütig, / die Liebe ist gütig. / Sie ereifert sich nicht, / sie prahlt nicht, / sie bläht sich nicht auf.

5 Sie handelt nicht ungehörig, / sucht nicht ihren Vorteil, / lässt sich nicht zum Zorn reizen, / trägt das Böse nicht nach.

6 Sie freut sich nicht über das Unrecht, / sondern freut sich an der Wahrheit.

7 Sie erträgt alles, / glaubt alles, / hofft alles, / hält allem stand.

8 Die Liebe hört niemals auf. / Prophetisches Reden hat ein Ende, / Zungenrede verstummt, / Erkenntnis vergeht.

Es folgen die oben bereits zitierten Verse, die schließlich in die Botschaft einmünden: 13 Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; / doch am größten unter ihnen ist die Liebe.

 

Diesen Wirkungen oder Gaben des Geistes, die in Glaube, Hoffnung und Liebe zusammenlaufen, geht auch Michael Welker in seinem vor einigen Jahren wieder aufgelegten Buch „Gottes Geist. Theologie des Heiligen Geistes“ nach. Dabei stellt er durchweg den engen Zusammenhang einer neutestamentlich verankerten „Theologie des Heiligen Geistes“ mit den in der hebräischen Bibel bezeugten Manifestationen der ruach heraus, also mit dem jüdischen Konzept des Geistes Gottes. Ich möchte diese Verbindungslinien im Folgenden anhand von drei ausgewählten Aspekten noch etwas genauer beleuchten und auf diese Weise das im Geist und durch den Geist erfahrbare „Kraftfeld Gottes“ (so die schöne Formulierung von Michael Welker) mit Ihnen gemeinsam beschreiten.

3.1  Der Geist weht, wenn einem Hören und Sehen vergeht …

„Wer auf die von außen oder innen vernehmbare Stimme Gottes hört, wird ja tatsächlich ver-rückt, also herausgerückt, herausgenommen aus den gewohnten Bahnen seines Denkens und Fühlens und auf eine neue Spur für sein Leben gebracht. In diesem Sinn waren Jesaja, Jesus, Paulus, Elisabeth von Thüringen, Simone Weil und Hunderttausende weiterer Menschen ‚ver-rückt‘. Und in diesem Sinn ist es absolut in Ordnung und lohnend, verrückt zu sein.“[6]  So schrieb Josef Epping kürzlich in einem Kommentar der Wochenschrift „Christ in der Gegenwart“.

Meiner Auffassung nach ist das tatsächlich eine sehr treffende Umschreibung für das, was geschieht, wenn Menschen vom Geist Gottes ergriffen werden. Viele biblische Zeugnisse – einige werden auch in der Aufzählung von Epping genannt – belegen, dass das Leben danach plötzlich ein ganz anderes ist. Was bis dahin richtig und wichtig war, verliert seine Bedeutung; neue Werte und Handlungsoptionen treten stattdessen in den Vordergrund und hinterlassen deutliche Spuren – sowohl im eigenen Leben als auch im Leben der Menschen, mit denen der vom Geist Gottes Erfüllte in Verbindung steht.

 

So wird es zum Beispiel auch im Alten Testament in 1 Sam 11,1-7 beschrieben, in einer Situation, in der Israel wieder einmal einer großen Bedrohung ausgesetzt ist und es eines starken und mutigen Anführers bedarf, um die Gefahr abzuwenden.

1 Da zog der Ammoniter Nahasch heran und belagerte Jabesch-Gilead. Die Männer von Jabesch sagten zu Nahasch: Schließ einen Vertrag mit uns, dann wollen wir dir dienen. 2 Der Ammoniter Nahasch erwiderte ihnen: Unter einer Bedingung will ich mit euch einen Vertrag schließen: Ich steche euch allen das rechte Auge aus und bringe damit Schande über ganz Israel. 3 Die Ältesten von Jabesch sagten: Lass uns sieben Tage Zeit! Wir wollen Boten durch das ganze Gebiet von Israel schicken. Wenn sich niemand findet, der uns retten kann, werden wir uns dir ergeben. 4 Als die Boten nach Gibea-Saul kamen und die Sache dem Volk vortrugen, brach das ganze Volk in lautes Weinen aus. 5 Saul kam gerade hinter seinen Rindern vom Feld her und fragte: Was haben denn die Leute, dass sie weinen? Sie erzählten ihm, was die Männer von Jabesch berichtet hatten. 6 Als Saul das hörte, kam der Geist Gottes über ihn und sein Zorn entbrannte heftig. 7 Er ergriff ein Gespann Rinder und hieb es in Stücke, schickte die Stücke durch Boten in das ganze Gebiet von Israel und ließ sagen: Wer nicht hinter Saul und Samuel in den Kampf zieht, dessen Rindern soll es ebenso gehen. Da fiel der Schrecken des Herrn auf das ganze Volk und sie rückten aus wie ein Mann.

Nicht ganz so martialisch geht es in unserem neutestamentlichen Textbeispiel, der Pfingstperikope von der Ausgießung des Heiligen Geistes, zu, die allerdings auch keinen Kriegszustand voraussetzt. Dennoch lässt sich hier ebenfalls feststellen, dass die Menschen aus ihrem alltäglichen Leben herausgerissen und ganz im Sinne Eppings „ver-rückt“ werden; das höchst Irritierende dieses Ereignisses spiegelt sich ja nicht zuletzt in der in Vers 12 geäußerten Vermutung wider, die vom Geist Ergriffenen seien „vom süßen Wein betrunken“. Noch deutlicher wird die Parallele, wenn man die Figur des Petrus genauer in den Blick nimmt. Aus dem eher unbeholfenen, unsicheren, verängstigten Fischer, der Jesus angesichts von dessen Leidensgeschichte dreimal verleugnet, wird ein beherzt auftretender Mann, der – ähnlich wie Saul – ganz  selbstverständlich die Rolle des Anführers, hier konkret des Sprechers, übernimmt und in seiner Predigt Zusammenhänge darlegt, die ihm selbst wohl bis dahin gar nicht bewusst waren.

 

Ein weiteres neutestamentliches Beispiel, das hier keinesfalls übergangen werden darf, ist die Berufung des Paulus, die ja von Epping explizit angesprochen wird und mit der wir uns in der TAD vor einigen Jahren schon einmal eingehender befasst haben. In der Apostelgeschichte wird diese folgendermaßen beschrieben:

1 Saulus wütete immer noch mit Drohung und Mord gegen die Jünger des Herrn. Er ging zum Hohenpriester 2 und erbat sich von ihm Briefe an die Synagogen in Damaskus, um die Anhänger des (neuen) Weges, Männer und Frauen, die er dort finde, zu fesseln und nach Jerusalem zu bringen. 3 Unterwegs aber, als er sich bereits Damaskus näherte, geschah es, dass ihn plötzlich ein Licht vom Himmel umstrahlte. 4 Er stürzte zu Boden und hörte, wie eine Stimme zu ihm sagte: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? 5 Er antwortete: Wer bist du, Herr? Dieser sagte: Ich bin Jesus, den du verfolgst. 6 Steh auf und geh in die Stadt; dort wird dir gesagt werden, was du tun sollst. 7 Seine Begleiter standen sprachlos da; sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemand. 8 Saulus erhob sich vom Boden. Als er aber die Augen öffnete, sah er nichts. Sie nahmen ihn bei der Hand und führten ihn nach Damaskus hinein. 9 Und er war drei Tage blind und er aß nicht und trank nicht. 10 In Damaskus lebte ein Jünger namens Hananias. Zu ihm sagte der Herr in einer Vision: Hananias! Er antwortete: Hier bin ich, Herr. 11 Der Herr sagte zu ihm: Steh auf und geh zur sogenannten Geraden Straße und frag im Haus des Judas nach einem Mann namens Saulus aus Tarsus. Er betet gerade 12 und hat in einer Vision gesehen, wie ein Mann namens Hananias hereinkommt und ihm die Hände auflegt, damit er wieder sieht. 13 Hananias antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört, wie viel Böses dieser Mann deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat. 14 Auch hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle zu verhaften, die deinen Namen anrufen. 15 Der Herr aber sprach zu ihm: Geh nur! Denn dieser Mann ist mein auserwähltes Werkzeug: Er soll meinen Namen vor Völker und Könige und die Söhne Israels tragen.  (Apg 9,1-15)

Auch in dieser Perikope lässt sich die eben zitierte Beschreibung Eppings bis ins Detail nachvollziehen. Paulus wird aus den gewohnten Bahnen seines Denkens und Fühlens herausgenommen; er gewinnt eine völlig neue Perspektive, die es ihm ermöglicht, das Evangelium, das er bis dahin strikt verworfen hat, als eine Botschaft Gottes für die Völker zu begreifen; und er wird dadurch „auf eine neue Spur für sein Leben gebracht“, wie Epping es formuliert, indem er von da an bis zu seinem Tod als Völkerapostel wirkt und auf diese Weise die Ausbreitung des christlichen Glaubens entscheidend  vorantreibt.  Paulus ist damit ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür, dass jemand, dem unter dem Einfluss des Geistes Gottes (buchstäblich!) Hören und Sehen vergeht, danach eine andere, geschärfte Wahrnehmung hat. Aber auch die äußere Wirklichkeit verändert sich, sobald Menschen die mitreißende Kraft, die in dieser Szene beschrieben wird, leibhaftig zu spüren bekommen. Michael Welker kommentiert das Pfingstereignis genau in diesem Sinn, wenn er in seiner „Theologie des Heiligen Geistes“ schreibt: „Abrupte, radikale Veränderungen der ganzen Lebenswirklichkeit sind Anlaß zur Erfahrung des Geistes Gottes. Kein Wunder, daß den Menschen fast Hören und Sehen vergeht, daß sie sich wie vom Wind umgetrieben finden.“[7] 

3.2 Der Geist weht, wenn die Option für die Armen, Schwachen und Ausgestoßenen unserer Gesellschaft Wirklichkeit wird …

Das Wirken des Geistes Gottes bleibt jedoch nicht beim einzelnen Menschen stehen, sondern entfaltet darüber hinaus eine Gemeinschaft stiftende Kraft, wie wir es ebenfalls bereits anhand der Pfingstperikope der Apostelgeschichte beobachten konnten. „Der Geist Gottes wirkt so, wie der Regen vom Himmel herab eine ganze Landschaft mit den verschiedenartigsten Lebewesen erfrischt, belebt, neu aufleben und zusammen leben läßt[8], so Welker. Damit richtet er „unterdrücktes Leben wieder auf“[9] und lässt uns elementare Forderungen nach einem friedlichen Zusammenleben der Völker, nach sozialer Gerechtigkeit, aber auch nach Barmherzigkeit und Liebe der Menschen untereinander als Antwort auf die zuvorkommende Liebe Gottes begreifen. Im Hintergrund sieht Michael Welker auch hier klar die Parteinahme für die Schwachen, die Unterdrückten und die Notleidenden in einer Gesellschaft, wie wir sie in der hebräischen Bibel sowohl in den jüdischen „Erbarmensgesetzen“ als auch in der prophetischen Botschaft vielfach bezeugt finden.

Ein wichtiges neutestamentliches Beispiel für diese Neuausrichtung der gesamten Gesellschaft unter dem Einfluss des Geistes Gottes ist auch das so genannte Magnificat in Lk 1,46-57.

46 Da sagte Maria: Meine Seele preist die Größe des Herrn, / 47 und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. 48 Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. / Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. 49 Denn der Mächtige hat Großes an mir getan / und sein Name ist heilig. 50 Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht / über alle, die ihn fürchten. 51 Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: / Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; 52 er stürzt die Mächtigen vom Thron / und erhöht die Niedrigen. 53 Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben / und lässt die Reichen leer ausgehen. 54 Er nimmt sich seines Knechtes Israel an / und denkt an sein Erbarmen, 55 das er unsern Vätern verheißen hat, / Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

Aufgrund der ausgeprägten Marienfrömmigkeit insbesondere in der katholischen Tradition konnte leicht übersehen werden, welche Sprengkraft tatsächlich in diesem Text liegt. Nicht nur das Leben Marias gerät durch das Wirken des Geistes Gottes vollkommen aus den Fugen, sondern die Machtstrukturen der Gesellschaft werden hier insgesamt in Frage gestellt. Genau diese Zielrichtung verfolgt aber auch schon ein alttestamentlicher Text, der im Magnificat bis in einzelne Formulierungen hinein seine genaue Entsprechung findet, nämlich das Gebet Hannas aus 1 Sam 2,1-10.

1 Hanna betete. Sie sagte: Mein Herz ist voll Freude über den Herrn, / große Kraft gibt mir der Herr. / Weit öffnet sich mein Mund gegen meine Feinde; / denn ich freue mich über deine Hilfe. 2 Niemand ist heilig, nur der Herr; / denn außer dir gibt es keinen (Gott); / keiner ist ein Fels wie unser Gott. 3 Redet nicht immer so vermessen, / kein freches Wort komme aus eurem Mund; / denn der Herr ist ein wissender Gott / und bei ihm werden die Taten geprüft. 4 Der Bogen der Helden wird zerbrochen, / die Wankenden aber gürten sich mit Kraft. 5 Die Satten verdingen sich um Brot, / doch die Hungrigen können feiern für immer. / Die Unfruchtbare bekommt sieben Kinder, / doch die Kinderreiche welkt dahin. 6 Der Herr macht tot und lebendig, / er führt zum Totenreich hinab und führt auch herauf. 7 Der Herr macht arm und macht reich, / er erniedrigt und er erhöht. 8 Den Schwachen hebt er empor aus dem Staub / und erhöht den Armen, der im Schmutz liegt; / er gibt ihm einen Sitz bei den Edlen, / einen Ehrenplatz weist er ihm zu. / Ja, dem Herrn gehören die Pfeiler der Erde; / auf sie hat er den Erdkreis gegründet. 9 Er behütet die Schritte seiner Frommen, / doch die Frevler verstummen in der Finsternis; / denn der Mensch ist nicht stark aus eigener Kraft. 10 Wer gegen den Herrn streitet, wird zerbrechen, / der Höchste lässt es donnern am Himmel. / Der Herr hält Gericht bis an die Grenzen der Erde. / Seinem König gebe er Kraft / und erhöhe die Macht seines Gesalbten.

Beide Frauen, Hanna und Maria, erweisen sich hier als Geistträgerinnen, die vom „Kraftfeld Gottes“ ergriffen und dadurch ermutigt werden, die Starken und Mächtigen der Gesellschaft in ihre Schranken zu weisen. Eine besondere Symbolik entfalten diese beiden Texte auch dadurch, dass Hanna und Maria als Frauen nach den Maßstäben ihrer Zeit ja selbst zum „schwachen Geschlecht“ gehören; allein die Tatsache ihrer Erwählung macht also bereits den Wandel hin zu einer neuen gesellschaftlichen Ordnung sinnfällig, was im christlichen Kontext besonders die Feministische Theologie inspiriert hat. Der Geist Gottes offenbart sich in diesen Texten ganz klar als ein Geist der Gerechtigkeit und des Friedens. Er bewirkt die universale Ausbreitung der Gotteserkenntnis, die mit der Verwirklichung von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit untrennbar verknüpft ist. Wo der Geist Gottes wirksam wird, da verändern sich die Lebensverhältnisse, da werden scheinbar fraglos gültige Moralvorstellungen in Frage gestellt und neue Maßstäbe für ein Zusammenleben vorgegeben, das sich an den Grundsätzen der Humanität und der Menschenwürde orientiert. „Die Kraft, die Armen und Reichen, Starken und Schwachen, ökonomisch, politisch, rassistisch und sexistisch getrennten und entfremdeten Menschen neue Gemeinschaft verheißt und diese Gemeinschaft verwirklicht, wird von den messianischen Verheißungen ‚Geist Gottes‘ genannt“[10], so nochmals Michael Welker.

So ist es vielleicht die vornehmste Aufgabe eines Geistträgers oder auch einer Geistträgerin, vorhandene Machtstrukturen dezidiert in Frage zu stellen. Wer den Geist Gottes in sich trägt, nötigt zu einer „Auseinandersetzungs-, Wandlungs- und Umkehrbereitschaft, die das Vertrauen auf eingespielte Machtformen, in denen das Leben eingebettet ist oder die immer wieder erstrebt oder ersehnt werden, preisgibt. Er [der Geistträger] nötigt zum Aufbruch aus herrschenden politischen, aber auch rechtlichen, religiösen und moralischen Machtformen.“[11]

Neben der bereits angesprochenen Feministischen Theologie ist es vor allem die Befreiungstheologie, die sich mit ihrer Forderung nach einer „Option für die Armen“  in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts diese Geist-Theologie zu eigen gemacht hat. Eine „Kirche der Armen für die Armen“ hat sich auch der gegenwärtige Papst Franziskus auf die Fahnen geschrieben und mit dem sicherlich provokativ gemeinten Satz „Diese Wirtschaft tötet“ keineswegs nur die Vertreter einer neoliberalen Marktwirtschaft herausgefordert. Johann Baptist Metz, einer der geistigen Väter der Befreiungstheologie, sprach einmal in Bezug auf die Ordensgemeinschaften mit ihrem alternativen Lebenskonzept von einer „Schocktherapie des Heiligen Geistes für die Großkirche“. Diese Umschreibung der Wirksamkeit des Geistes als eine Art „Schocktherapie“ kann meines Erachtens auch gut auf andere Lebensbereiche übertragen werden, um uns vor Augen zu führen, wie stark die durch den Geist vermittelte Nähe Gottes uns und unser gesamtes Leben verändern kann. Johann Baptist Metz war es auch, der einmal geäußert hat: „Die kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechung.“ Gerade in dieser gesellschaftskritischen Funktion von Religion, die uns zwingt, gewohnte Denkschemata und Verhaltensweisen in Frage zu stellen, und dadurch Neubesinnung und Neuanfang ermöglicht, kommt entscheidend das „Kraftfeld Gottes“ zum Tragen, das mit der so verstandenen Theologie des Heiligen Geistes untrennbar verknüpft ist.

 

3.3 Der Geist weht, wenn die historisch gewachsene Pluralität nicht mehr als Bedrohung, sondern als Chance wahrgenommen wird …

Die dritte Wirkung des Heiligen Geistes, die ich hier noch anführen möchte, führt uns mitten hinein in den jüdisch-christlichen Dialog, aber auch in Grundfragen einer weltweiten Ökumene, wie sie sich im Laufe des 20. Jahrhunderts zunehmend entfaltet und weitgehend etabliert hat. Innerhalb der christlichen Ökumene steht dafür das Wort von der „versöhnten Verschiedenheit“, das ursprünglich als Kritik gemeint war, dann jedoch allgemein als großer Durchbruch – und damit vielleicht vom Geist Gottes inspiriert – empfunden wurde.

Ich möchte in diesem Zusammenhang noch einmal ein etwas längeres Zitat von Michael Welker aufgreifen, das meines Erachtens gut zusammenfasst, was ich mit der dritten Wirkung des Heiligen Geistes zum Ausdruck bringen möchte: „Der Geist Gottes bewirkt ein vielstelliges, für Differenzen sensibles Kraftfeld, in dem die Freude an geschöpflichen, stärkenden Differenzen gepflegt wird und in dem ungerechte, schwächende Differenzen in Liebe, Erbarmen und Sanftmut abgebaut werden. […] Nach den prophetischen Verheißungen, deren Erfüllung Pfingsten verkündigt wird, bewirkt der Geist eine Einheit, die nicht nur Menschen verschiedenster Sprachen und Traditionen anspricht und einschließt. Es handelt sich um eine Einheit, in der das prophetische Zeugnis der Frauen nicht weniger wichtig ist als das der Männer, das der Jungen nicht weniger bedeutend als das der Alten, das der sozial Benachteiligten nicht weniger relevant als das der Privilegierten. In der differenzierten, für Differenzen sensiblen Gemeinschaft, in der stetig die sich dem Recht, dem Erbarmen und der Gotteserkenntnis widersetzenden Differenzen abgebaut werden, ist der verheißene Geist Gottes wirksam.“[12]

Indem Welker an dieser Stelle noch einmal explizit auf die Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten zurückgreift, die uns den ganzen Vormittag über begleitet hat, hebt er die „Sensibilität für Differenzen“[13] als eine weitere wichtige Wirkung hervor, die im „Kraftfeld Gottes“ zum Tragen kommt. Tatsächlich wird hier ja eine Situation beschrieben, in der die Menschen ihre unterschiedlichen, vielfältigen Sprachen und Kulturen nicht mehr länger als Störfaktor empfinden, der zu Missverständnissen oder womöglich sogar zu Aggression und Gewalt führt; die Differenzen sind auch nicht länger etwas, was es vielleicht notgedrungen auszuhalten gilt, sofern man Konflikten und größeren Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen will. Vielmehr werden sie unter dem Einfluss des Geistes plötzlich als anregende und belebende Kraft erlebt, die der Gemeinschaft eine ganz neue, unerwartete Qualität verleihen.

Erneut können wir zum besseren Verständnis dieses Vorgangs auf ein Zitat aus dem Alten Testament zurückgreifen. In Jes 32,15-18 lesen wir: „15 Wenn aber der Geist aus der Höhe über uns ausgegossen wird, dann wird die Wüste zum Garten, und der Garten wird zu einem Wald. 16 In der Wüste wohnt das Recht, die Gerechtigkeit weilt in den Gärten. 17 Das Werk der Gerechtigkeit wird der Friede sein, der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer. 18 Mein Volk wird an einer Stätte des Friedens wohnen, in sicheren Wohnungen, an stillen und ruhigen Plätzen.“ Dieses ruhige und friedvolle Zusammenleben in einer Welt des Friedens und der Gerechtigkeit wird aber nicht von Menschen geschaffen, sondern es ist eine Frucht des Wirkens der ruach, des Geistes Gottes. „Die Ausgießung des Geistes bewirkt ein erstaunliches und unverfügbares, nicht von einzelnen Seiten und Regionen aus einseitig in Gang zu setzendes und zu kontrollierendes Zusammenwirken“, so nochmals Welker. „Die Ausgießung des Geistes bewirkt eine emergierende Gemeinsamkeit und Lebendigkeit, die überrascht.“[14] Die Ausbreitung von Frieden und Gerechtigkeit ist demnach ausschließlich das Ergebnis einer „‘himmlischen‘ Verfaßtheit der Erde“[15]. Das Wirken Gottes im Geist und durch den Geist wird für uns Menschen dadurch greifbar und erfahrbar, dass die verschiedenen Lebensbereiche auf einmal füreinander durchlässig werden, dass sie sich zugunsten einer neuen Gemeinschaft und eines neuen, gemeinsamen Lebens öffnen und verwandeln, ohne dadurch ihre je eigene Identität einzubüßen.[16]

Vor diesem Hintergrund können wir dann jedoch auch in der Vielfalt von religiösen Orientierungen, die auf den ersten Blick womöglich gar nicht miteinander kompatibel erscheinen – wie das über weite Strecken der gemeinsamen Geschichte von  Judentum und Christentum der Fall war –, Gottes Lebendigkeit und Freiheit am Werk sehen. Die Theologie des Heiligen Geistes könnte also ein Weg sein, um aus einer vertieften Gotteserkenntnis heraus Kriterien für eine neue und tiefere Verbundenheit zwischen diesen beiden Religionen zu gewinnen, ohne deren jeweilige Besonderheit und die damit verbundene je eigene Identität in Frage zu stellen. Unter diesen Voraussetzungen würde sie tatsächlich einen wichtigen Beitrag dazu leisten, den Dialog zwischen Judentum und Christentum zu befruchten und zu beflügeln – und sei es auch nur durch eine ganz bewusste, von gegenseitiger Wertschätzung geprägte Würdigung der Differenz im Sinne einer „versöhnten Verschiedenheit“, wie sie in der christlichen Ökumene mittlerweile gepflegt wird.

In Joh 3,8 ist am Beispiel des Windes davon die Rede, dass das Wirken Gottes nur schwer zu bestimmen ist, dass es jedoch sinnfällig wahrnehmbar wird durch die Veränderungen, die dadurch ausgelöst werden. Dann liegt es jedoch auch an uns, diesem Wirken Evidenz zu verleihen, indem wir uns gemeinsam auf den Weg machen, uns von der Kraft Gottes ergreifen und verändern lassen, ohne dabei unsere eigene Identität aufzugeben. „Konkrete Individualität und weltübergreifende Universalität werden im Kraftfeld des Geistes zusammengehalten“[17], so fasst Welker diese Zielrichtung prägnant zusammen. Und an anderer Stelle führt er dazu noch genauer aus: „Wo Menschen unterschieden und getrennt sind durch Sprache, Rasse, Geschlecht, Alter und soziale Schichtung, bedeutet die Ausgießung ‚vom Himmel‘, daß diese Menschen – ungerechte Differenzen abbauend und natürliche, schöpferische Differenzen pflegend – miteinander und füreinander eine vertrauensvolle Intimität mit Gottes Willen herstellen und, dadurch vermittelt, die vertrauensvolle Intimität in und mit einer Welt, die sie in ihren natürlich-endlichen Perspektiven nicht erzielen können.“[18]

In besonderer Weise lässt sich dieser Ansatz auch auf die Vielfalt biblischer Texte mit ihrem ganz unterschiedlichen Entstehungszusammenhang anwenden, der die Differenz zwischen Altem und Neuem Testament noch weit übersteigt. Gerade in dieser „Vielfarbigkeit“ spiegeln diese Texte die vielfältige Gegenwart Gottes wider, die uns anders verschlossen bliebe.[19]

4   Zusammenfassung

 

Am Ende dieser Ausführungen soll noch einmal zusammenfassend herausgestellt werden, dass es in der christlichen Lehre von der Dreifaltigkeit im Grunde ganz entscheidend darum geht, mit der dritten Person, also dem Heiligen Geist, die alttestamentlichen Überlieferungen weiterzuführen, denen zufolge Gott sich den Menschen durch Menschen offenbart, wo immer diese von der ruach Gottes ergriffen werden. Der Theologe F. J. Schierse schrieb einmal in einem Lexikonartikel zur neutestamentlichen Dreifaltigkeitslehre: „Einer landläufigen Meinung, die im Heiligen Geist den ‚unbekannten Gott‘, das verborgenste Mysterium innerhalb der Dreifaltigkeit sieht, stellen wir die biblische Überzeugung gegenüber, daß der Heilige Geist die mit den Sinnen erfahrbare Gegenwärtigkeit und Wirklichkeit des Heilsgeschehens […] darstellt.“[20] Der Geist Gottes steht damit also gerade für die besondere Nähe Gottes zum Menschen, eine Nähe, bei der Gott einem Wort von Viktor Emil Frankl zufolge zum Partner unserer intimsten Selbstgespräche wird.

 

Weiterhin ist festzuhalten, dass dem christlichen Verständnis zufolge alle Menschen gleichermaßen zu dieser engen Gemeinschaft mit Gott berufen sind. Wir alle sind als „Geistträgerinnen“ und „Geistträger“ ein Teil dieses vinculum caritatis, des „Bindeglieds der Liebe“, und werden dadurch in die Gemeinschaft des Gottesvolkes eingebunden. Damit sind wir jedoch auch aufgerufen, in der Nachfolge Jesu, aber auch nach dem Vorbild der vielen anderen prophetischen Gestalten des Alten und des Neuen Testaments, der liebevollen Zuwendung Gottes zu den Menschen durch unser eigenes Verhalten unseren Mitmenschen gegenüber ein ganz persönliches, menschliches Gesicht zu geben. In den verschiedenen Situationen unseres Lebens werden wir mit unseren ganz unterschiedlichen Fähigkeiten und Begabungen in diesen Dienst hineingenommen, sofern wir nur bereit sind, durch Werke der Nächstenliebe den Willen Gottes für andere erfahrbar zu machen. Um nochmals Michael Welker zu zitieren: „Der Geist Gottes erzeugt so ein Kraftfeld der Liebe, in dem die Menschen darum bemüht sind, daß alle Dinge den ‚nächsten‘ Mitmenschen ‚zum Besten dienen‘. In einer Weltlage, in der ganze Länder politisch und rechtlich verwahrlost sind, in der die Ideologie der Knappheit triumphiert und der Kampf um die eigene wirtschaftliche Durchsetzung an der Tagesordnung ist, mag dieser ‚Tröster‘ wie eine Illusion erscheinen. Doch in Wahrheit erweist sich der Geist in solcher Weltlage als Offenbarer des ‚Gerichts‘ über die diese Welt beherrschenden Mächte.“[21]

Deshalb ist es auch keineswegs ein Zufall, dass die katholische Kirche an genau dieser trinitarischen Tradition anknüpft, wenn sie in diesem Jahr die Barmherzigkeit ins Zentrum der Glaubensverkündigung rückt. Papst Franziskus zufolge offenbart sich in der Barmherzigkeit „das Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit“. Sie ist die göttliche Energie, die alles vereint und dadurch verwandelt. Auch der ehemalige Kurienkardinal Walter Kasper stellt diesen Zusammenhang her, wenn er betont: „Die Dreifaltigkeit Gottes ist also die innere Voraussetzung von Gottes Barmherzigkeit, wie umgekehrt seine Barmherzigkeit Offenbarung und Spiegel seines Wesens ist.“ Wie die Reben aus der verborgenen Wurzel (Vater) durch den Weinstock (Sohn) im Strom des Lebenssaftes (Geist) wachsen, so entfaltet sich unser Leben in der Beziehung zu diesem dreifaltigen Gott. Mit diesen Bildern wird heute versucht, das frühchristliche Ringen um das göttliche Geheimnis und dessen Heilsbedeutung in die Gegenwart fortzuschreiben. „Durch die Menschen und in ihrer Mitte ‚schreibt‘ Gott sich durch den Geist in diese Welt ein“[22], so formuliert es Michael Welker.

 

Abschließen möchte ich meine Überlegungen mit einem schönen Text von Hans Bischlager, der eigentlich auf das Reich Gottes gemünzt ist, der sich jedoch auch sehr gut auf die Theologie des Heiligen Geistes anwenden lässt, zumal der Geist Gottes nach christlichem Verständnis das Reich Gottes ja gewissermaßen personifiziert.

 

„Für einen außenstehenden Zuschauer ist der Geist Gottes nicht sichtbar. Nur dem Beteiligten ist er erfahrbar. Wer mitten in ihm lebt, nimmt ihn wahr.

Der Geist Gottes ist ein Medium, das uns durchdringt wie die Luft, die unser Blut mit Sauerstoff versorgt. Er lässt alle atmen und er lässt alle leben.

Der Geist Gottes ist ein Medium, das uns umhüllt wie die Wärme, die uns beweglich macht und die kalten, erstarrten Verhältnisse zu verwandeln vermag in lebendige und zärtliche.

Der Geist Gottes ist wie der Erdboden, der uns trägt und uns selber zu tragenden Elementen werden lässt, die untragbare Zustände nicht zulassen.

Der Geist Gottes ist wie ein elektromagnetisches Feld, das unser Potenzial zur Entfaltung kommen lässt, ein Kraftfeld, oft unsichtbar und unbemerkt, aber wirkmächtig gegen Widerstand …

Der Geist Gottes ist wie das Licht, das uns den Durchblick gibt, dunkle Ecken und Machenschaften auszuleuchten …“[23]

 



[1] Nach Franz Dünzl, Kleine Geschichte des trinitarischen Dogmas in der Alten Kirche, 2. Aufl., Freiburg – Basel – Wien 2011, S.43.

[2] Franz Dünzl, Kleine Geschichte des trinitarischen Dogmas in der Alten Kirche, S.30.

[3] Ebd., S.45.

[4] Ebd., S.144.

[5] Michael Welker, Gottes Geist. Theologie des Heiligen Geistes, 5. Aufl., Neukirchen-Vluyn 2013, S.18.

[6] Josef Epping: Ver-rückt? Berufung: einfach einmal wagen, über den eigenen Schatten zu springen, in: Christ in der Gegenwart Nr.6, 68. Jahrgang, 7. Februar 2016, S.54.

[7] Michael Welker, Gottes Geist, S.59.

[8] Ebd., S.126.

[9] Ebd., S.60.

[10] Michael Welker, Gottes Geist, S.31.

[11] Ebd., S.132.

[12] Michael Welker, Gottes Geist, S.33.

[13] Ebd., S.35.

[14] Michael Welker, Gottes Geist, S.139.

[15] Ebd., S.140.

[16] Vgl. ebd., S.141.

[17] Ebd., S.231.

[18] Ebd., S.255.

[19] Michael Welker, Gottes Geist, S.256.

[20] Zitiert nach Michael Welker, Gottes Geist, S.175.

[21] Michael Welker, Gottes Geist, S.212, vgl. auch S.273f.: „Auf jeden Fall erfahren sich die vom Geist überkommenen Menschen selbst als sich in Freiheit Zurücknehmende, als anderen Raum Schaffende, zugunsten der Entfaltung anderer Wirkende. Damit und darin sind sie mit großen Kräften ausgestattet. Große Kräfte des Liebevollen und Vertrauenswürdigen gehen von ihnen aus.“

[22] Ebd., S.285.

[23] In Anlehnung an Hans Bischlager, Weltverbunden leben, hier zitiert nach: Christ in der Gegenwart Nr.8, 68. Jahrgang, 21. Februar 2016, S.85.

 

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